Nathalie Bouteiller-Marin's Blog

Dezember 15, 2009

HGich.T – Interview als Performance von Nathalie Bouteiller-Marin und Marlene Gunst

Filed under: Uncategorized — naboum @ 15:03

Bereits im Vorfeld des Freischwimmer Festivals in Wien hat man so einiges über die Gruppe HGich.T gehört. Wild, laut und provokant soll ihre Performance sein. Dass das Interview mit ihnen sich ähnlich gestalten sollte, damit hatten wir nicht gerechnet.

Wie verabredet, haben wir HGich.T am Nachmittag vor ihrer ersten Performance im brut getroffen. Hatten wir Erwartungen, wie ein Interview ablaufen sollte, konnten wir diese ganz schnell ablegen, denn in der kommenden Stunde sollten wir mit einigen Überraschungen konfrontiert werden.

Das fing schon damit an, dass wir fotografiert wurden, kaum dass wir auf dem Sofa Platz genommen hatten – von Marc, dem HGich.T Pressesprecher/ Pr-Mann, wie er sich uns anschließend vorstellte und auch gleich klarstellte, dass er unsere Operationsplattform für heute sei und alle Fragen hätten bitte über ihn zu laufen. Dass es sich hier um ein Interview der etwas anderen Art handelte, wurde uns aber erst klar als Arne sich kurz zu Wort meldete. Mit Mini-Leoparden Höschen und einem neonfarbenen Ganzkörpernetzstrumpf bekleidet, fing er an mit Fistelstimme zu sprechen und dieser Rolle des Transvestiten blieb er dann auch für die Dauer unseres Gesprächs, an dem auch noch Maike, Annika und Paul teilnahmen, verhaftet.

Auf unsere Frage inwieweit denn ihre Darstellung von sich selbst hier authentisch sei, meinte Marc, sie agieren aus der Empirie heraus und jeder hätte seine eigenen empirischen Ausdrucksformen. „Wir haben uns sozusagen im Laufe unserer Lebens endkonditioniert von diesem zivilisatorischen Fehlverhalten“. Wie wir von dieser Fragestellung ausgehend schließlich bei den Indianern, ihrem Tabak und dessen Vermarktung durch die Amis endeten, wussten wir selbst nicht so genau. So sollte es dann auch weitergehen. Wie sie sich denn vom Rest der Festival-Teilnehmer absetzen? Arne mit Fistelstimme: „Dazu meine ich, ich finde absetzen von der Steuer generell scheiße, also anders kenn ich das auch nicht.“ Unseren zuvor wohlüberlegten Fragenkatalog konnten wir spätesten hier über Bord werfen. Es schien als hätte die Performance von HGich.T bereits begonnen und wir waren mitten drin.

Am ehesten an einem sachlichen Gespräch interessiert zu sein war wohl Paul, der uns über das Problem mit den zu hohen Theaterkartenpreisen und über das Entstehen der Heute geh ich tot – Abkürzungtheorie in den Zeitungen aufklärte. Viel konnte er jedoch nie sagen, wurde er sogleich teils harsch von seinem PR-Mann Marc an sein Redeverbot erinnert oder ihre Kollegen Sascha und Björn, die für die Musik zuständig sind und gerade mit dem Bühnenaufbau beschäftigt waren, kamen mit Fragen zur Technik an.

Natürlich kamen auch ihre Texte und deren Entstehung zur Sprache und wie diese durchaus systemkritisch zu lesen sind. „Ich will jetzt nicht so ins Detail gehen aber man kann sagen, dass sich das aus dem Schamanismus ergibt.“, meinte Marc und musste wie so oft selbst zu lachen beginnen. „Man muss ja Ideen haben und diese skurrilen Ideen entstehen daraus sozusagen! Und dann stellen wir das mit der Gesellschaft wie gesagt in Verbindung und dann assoziieren wir. Wir versuchen ja einfach nur das Komplexe darzustellen.“ Und irgendwie kommt das Gespräch schließlich auf den Hamburger Fußballverein St.Pauli, den sie gut finden, aber keine Fans sind- bis auf Meike. So können sie sich mit der Ideologie des systemkritischen Vereins und dem Stadtgebiet selbst identifizieren.

Innerhalb des Festivals Freischwimmer steht HGich.T klar abseits der anderen Produktionen, in denen Schock nur inhaltlich thematisiert wird. HGich.T hingegen schockt performativ. Wie sie selbst deutlich machen, steckt dahinter keine Absicht, sie machen vielmehr, was sie wollen. „Wenn Leute das [schockierend ] empfinden, dann ist das deren Empfinden.“ Wichtig ist, dass sie – die Gruppe – dabei Spaß haben. Reaktionen, die HGich.T bei den Zuschauern auslösen, scheint sie dabei nicht sonderlich zu interessieren, außer natürlich es ist eine positive Kritik und befriedigt die persönliche Eitelkeit.

Maike: „Weißt du es gibt da ja auch nen neuen Song, der heißt Tanke, ne? Da habe ich auch gelesen, was bei youtube steht! Da steht drin: „Grüne Hose = geiler Arsch“. Und wer hatte wohl die grüne Hose an? Ich natürlich!“ Andererseits, wer freut sich nicht über ein solches Kompliment?

Nur im ersten Moment reagiert die Gruppe unbeeindruckt auf die negativen feuilletonistischen Kritiken, die wir ihnen vorlesen. Denn so ganz kann sich Marc eine bissige Bemerkung dann doch nicht verkneifen: „Es kommt darauf an sozusagen, auf welchem Niveau jemand schreibt. Also intellektuell. Und wenn er nun mal eben, wie gesagt, nicht geschafft hat bei Gruner+Jahr (Europas größtes Druck- und Verlagshaus mit Sitz in Hamburg, Anm.) anzufangen, dann ist das sein Problem.“

Worin sie sich sicherlich auch von den übrigen Performances des Festivals unterscheiden, ist der Umstand, dass HGich.T eingeladen wurden und beim Festival vorbeigeschaut haben, weil sie gerade nichts Besseres zu tun hatten – zumindest wenn man Marc Glauben schenken möchte. Als ihn aber sogar seine eigenen Kollegen auflaufen lassen, revidiert er dann doch seine Aussage von zuvor, wenn die auch deshalb nicht bescheidener ausfällt: „Also, wenn dann irgendjemand meint er muss was schreiben aus dem Kollektiv heraus, dann können sich daraus ruhig Dates ergeben, also das nehmen wir dann so hin.“

Völlig unvermittelt im Gespräch lässt uns Arne dann schließlich wissen, dass er einem Zuschauer in Berlin eine „runtergehauen“ hätte. Unterstützt wird er dabei lauthals von Marc mit den Worten „Das hat der verdient!“. Als wir erfahren wollen, was der Mann denn verbrochen hatte, kann uns aber niemand eine verständliche oder erklärende Antwort geben. Man soll kein Urteil fällen, wenn man nicht die Fakten kennt, doch erscheint es allgemein gesprochen problematisch, und persönlich gesprochen falsch, seinem Unmut – aus welchem Grund auch immer – gewaltsam Ausdruck zu verleihen. Es stellt sich die Frage, ob man sich denn wirklich alles erlauben kann sobald es sich unter dem Deckmantel der Performance bewegt und wo die Grenze zu ziehen ist.

Die realen Personen hinter der Gruppe HGicht.T bekamen wir in unserem Interview nicht zu fassen. Andererseits wirft Marc die durchaus berechtigte Frage auf: „Was heißt hier real?“ Denn im Grunde ist doch alles real. Was für uns mühsam und spannend zugleich war, ist vielleicht eine ausgeklügelte PR-Strategie von HGich.T. Denn egal, was wir schreiben, es besteht immer die Möglichkeit, dass es als Teil ihrer Performance zu betrachten ist – schließlich machten wir nicht die Bekanntschaft mit Arne, der als Physikprofessor seinen Lebensunterhalt verdient, sondern dem Künstler Arne, der glaubte uns mit Ganzkörpernetzstrumpf und Aussagen wie „Hunger hab ich nicht aber ficken könnt ich schon wieder“, schockieren zu müssen – oder es zumindest zu versuchen. Wie weit passiert hier eine Vermischung von Rolle und Schauspieler? Wir geben die Frage weiter an HGich.T, nur um Zeugen einer weiteren Szene im Improvisationstheater „Interview“ zu werden:

Paul: „Die Rollen sind uns nah aber das heißt nicht, dass man im realen Leben so ist.“

Marc: „Was heißt real? Alles ist real! Was redest du da gerade von real? Wenn wir auftreten ist das auch real! Halt jetzt mal die Fresse, sonst fliegst du raus. (schreit) Ist das klar? Sonst hau ich dich mal vor die Tür!

Kann doch wohl nicht wahr sein. Ich bin euer Pressesprecher, du sagst da was, was du gar nicht hättest sagen dürfen. Du kriegst gleich Hausverbot, du sagst jetzt gar nichts mehr!“

Nach Basis demokratisch hören sich diese Worte nicht an und auch die Anwerbung ihrer Schallplatte scheint zu kommerziell, um zu einer alternativen Performancegruppe zu passen.

Auch wenn Marc versucht, uns die weiße Schallplatte schmackhaft zu machen, indem er uns das zweifelhafte Amüsement in Aussicht stellt, im Rausch die weiße Oberfläche bunt zu bemalen, bekommt er sie zumindest bei uns nicht an den Mann bzw. die Frau. Es stellt sich ganz natürlich die Frage, ob man die Lieder von HGich.T wirklich nur im Rausch, d.h. im Nicht-Besitz seiner vollen geistigen Fähigkeiten, anhören kann.

Was am Ende bleibt, ist ein Gruppenbild mit HGich.T – eine Erinnerung an ein Interview, das einem sicherlich im Gedächtnis bleibt.

Advertisements

Schreibe einen Kommentar »

Es gibt noch keine Kommentare.

RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: